Natura 2000 im Naturpark Schönbuch

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Herrenberg Kayh

Textauszug aus dem Natura 2000-Managementplan FFH-Gebiet 7420-341 „Schönbuch” und Vogelschutzgebiet 7420-441 „Schönbuch”, Kapitel 2

Das FFH-Gebiet 7420-341 “Schönbuch” umfasst eine Fläche von 11.249 ha und das Vogelschutzgebiet 7420-441 “Schönbuch” eine Fläche von 15.362 ha. Beide Gebiete überlagern sich zu großen Teilen. Insgesamt umfasst das aus FFH- und Vogelschutzgebiet bestehende Natura 2000-Gebiet eine Fläche von 17.137 ha. Fast der gesamte Teil des Natura 2000- Gebiets zählt zum Naturraum “Schönbuch und Glemswald”, nur wenige Flächen am West- und Südwestrand gehören zum Naturraum “Obere Gäue”. Die Naturräume liegen in der naturräumlichen Haupteinheit “Schwäbisches Keuper-Liasland”. Der Schönbuch erstreckt sich über die Landkreise Böblingen, Esslingen (beide Regierungsbezirk Stuttgart), Tübingen und Reutlingen (beide Regierungsbezirk Tübingen) und liegt in einer Höhe von 288 bis 605 m üNN. Die Jahresdurchschnittstemperatur liegt bei ca. 8,5 C° und der durchschnittliche Jahresniederschlag bei 759 mm. Der Schönbuch stellt ein wichtiges Naherholungsgebiet in der Region Stuttgart dar und ist als Naturpark ausgewiesen. Im Gebiet wurden mehrere Bannwälder und sowohl innerhalb des Waldes als auch im Offenland mehrere Naturschutzgebiete ausgewiesen, wobei an südlich exponierten Hängen überregional bedeutsame Artvorkommen unter Schutz gestellt wurden. Vor allem die Naturschutzgebiete Schönbuch-Westhang und Schaichtal weisen größere Flächen auf. Der Schönbuch ist das größte zusammenhängende Waldgebiet zwischen Schwäbischer Alb und Stuttgart. Dieses waldreiche “Kleinod” zu bewahren, war 1972 das Ziel der Ausweisung des ersten und bis heute waldreichsten Naturparks Baden-Württembergs. Dem Wald kommt auf Grund seines Flächenanteils am FFH-Gebiet von nahezu 87 % eine hohe Bedeutung zu. War der Schönbuch zu Beginn unserer Zeitrechnung noch ein fast reines Laubwaldgebiet, haben in den folgenden Jahrhunderten die vielfältigen Nutzungen durch den Menschen die Waldfläche an sich, wie auch die Baumartenzusammensetzung stark verändert. Noch heute erinnern viele alte Eichen an Zeiten intensiver Weidenutzung. Auch wenn diese heute eingebettet sind in geschlossene Bestände mit zunehmenden Anteilen von Buchen, Hainbuchen und weiteren Arten, so waren sie in früheren Zeiten doch nur vereinzelte Waldreste in einer fast offenen Landschaft. Die damals jungen Forstgesetze forderten eine Wiederbewaldung dieser ausgemagerten und erosionsgefährdeten Landschaft. In der Folge hat das Nadelholz Einzug in den Schönbuch gehalten. Nachdem das Ziel der nahezu vollständigen Wiederbewaldung erreicht war, hat in den letzten Jahrzehnten ein Umdenken in der Waldbewirtschaftung stattgefunden. Im Rahmen der naturnahen Waldwirtschaft haben vermehrt die standortsheimischen Laubbaumarten in der Planung ihren Platz zurückgewonnen. Ihr Anteil steigt seit den 1970er-Jahren kontinuierlich. Dies ist ein Prozess, der bis heute andauert, der aber auch heute von den Zielsetzungen der Eigentümer geprägt ist und nicht einfach den natürlichen Konkurrenzverhältnissen ihren Lauf lässt. So ist es heute eine bewusste Entscheidung, der Eiche, nicht zuletzt wegen ihrer hohen naturschutzfachlichen Bedeutung, gegen der auf den allermeisten Standorten überlegenen Buche eine waldbauliche Förderung zukommen zu lassen. Prägend für große Teile des Schönbuchs ist seine Eigenschaft als Rotwildgebiet auf etwa 4.000 ha. Anders als die vier weiteren Rotwildgebiete im Land Baden-Württemberg ist dieses Rotwildgebiet eingezäunt. Mit dieser Festlegung war auch eine entsprechende Priorisierung der zu erfüllenden Funktionen des Waldes verbunden. Obenan stehen Erholung und Naturschutz, gefolgt von der Eignung als Rotwildhabitat. Erst an dritter Stelle steht die Holzgewinnung. Die Dichte von 3-4 Stück/100 ha ist im Vergleich mit anderen Rotwildgebieten eher niedrig. Die Verbissbelastung ist bei insgesamt überdurchschnittlich guten Äsungsverhältnissen durch relativ hohe Laubholzanteile und große Dickungsbereiche nach den Stürmen Wiebke und Lothar für Rotwildgebiete mäßig. Die Hauptbaumarten lassen sich natürlich verjüngen. Eine Ausnahme bildet die Baumart Eiche. Hier ist ein hoher Schutzaufwand erforderlich.

Der Schönbuch ist ein bedeutendes Buchenwaldgebiet, stellenweise mit markantem Eichenanteil, und einem nicht geringen Nadelholzanteil von 45 %. Naturschutzfachlich bedeutsam ist die Präsenz der Eichen (Trauben- und Stiel-Eiche) sowohl in den relativ kleinen Flächen, auf denen tatsächlich standörtlich bedingt ein Eichen-Hainbuchenwald entwickelt ist, als auch in den über große Teile des Gebiets verteilten Beständen, in denen die Eiche als bedeutsame Mischbaumart vorkommt. Hier ist es vor allem die Bindung vieler Tierarten an die Eiche und ihre häufige Ausprägung als Habitatbaum, die der Eiche Bedeutung verleiht. Dies ist insbesondere bei sehr licht stehenden Eichen der Fall, die nicht innerhalb geschlossener, Waldbestände an schattenreichen Standorten wachsen. Gefördert wurde diese Situation in den letzten Jahren dadurch, dass hier viele Sturmwurfflächen vorhanden sind, die allerdings mit zunehmender Wiederbewaldung ihre günstigen Bedingungen für Lichtwaldarten wieder verlieren.

Dominierende Wald-Lebensraumtypen sind der Waldmeister-Buchenwald (14 % Flächenanteil am FFH-Gebiet), der Hainsimsen-Buchenwald (5 %). Demgegenüber nehmen Auenwälder mit Erle, Esche, Weide sowie Sternmieren- und Labkraut-Eichen-Hainbuchenwald deutlich kleinere Flächen ein. Insgesamt ist jedoch nur knapp ein Viertel der Waldfläche auch als Lebensraumtypfläche ausgewiesen. Flächenmäßig größere Bedeutung haben die im Wald vorhandenen Lebensstätten mehrerer FFH- und Vogelarten.

Der Wald wird durch ein verästeltes und in die Keuperlandschaft eingeschnittenes, abschnittsweise von Wiesentälern begleitetes Gewässernetz vor allem des Goldersbachs, der Schaich und des Reichenbachs entwässert. In den Bächen leben Steinkrebs, Bachneunauge und Groppe. Wegen der geringen Gewässervegetation sind nur einzelne Abschnitte als Lebensraumtyp „Fließgewässer mit flutender Wasservegetation“ erfasst. Entlang der Fließgewässer liegen Brutlebensräume des Eisvogels, weitere typische Arten sind Wasseramsel und Gebirgsstelze. Das Waldgebiet ist Brutlebensraum für mehrere Arten der Vogelschutzrichtlinie, wie beispielsweise Hohltaube, Schwarz-, Grau- und Mittelspecht, Wespenbussard und Halsbandschnäpper. Die Höhlenbrüter sind Zeigerarten für alte Laubbaumbestände mit hohem Totholzangebot und natürlichen Baumhöhlen. Der Mittelspecht zeigt als ausgesprochener Habitatspezialist eine starke Bindung an totholzreiche Laubwälder mit alten rauborkigen Baumarten. Brutvogel hallenartiger Buchenbestände mit gering ausgeprägter Strauchschicht ist der landesweit stark gefährdete Waldlaubsänger. Der Schönbuch bietet auch Potenzial für ein Brutvorkommen des Raufußkauzes. Im Bereich des Arenbachtals gelang im Jahr 2014 der Brutnachweis eines Sperlingskauzes. Innerhalb des Waldes brütet der Zwergtaucher an mehreren Stillgewässern. Die Waldrandbereiche sind bevorzugte Horststandorte von Rot- und Schwarzmilan.

Unter den Totholz bewohnenden Käfern sind neben den Populationen des Eremiten und des Hirschkäfers die Nachweise mehrerer als Urwaldrelikte eingestufte Arten besonders hervorzuheben. Das Vorkommen des Eremiten, der oft auch als Juchtenkäfer bezeichnet wird, befindet sich aufgrund der guten Ausstattung mit höhlenreichen Alteichen und einer mittelgroßen Population bei geringen Beeinträchtigungen in einem guten Erhaltungszustand. Landesweit hat das Gebiet für die Art eine herausragende Bedeutung und bei einer entsprechenden Berücksichtigung bei der Bewirtschaftung gute Zukunftsaussichten.

Im Schönbuch wurden bisher 15 verschiedene Fledermausarten gefunden. Auch existiert hier eine der landesweit größten Populationen der Gelbbauchunke. Das Waldgebiet wird im Norden, Westen und vor allem Süden durch einen reich strukturierten Grünland- und Streuobstgürtel gesäumt. Landschaftlich prägend ist vor allem die Keuperrandstufe zwischen Tübingen und Herrenberg mit ihren südlich exponierten Hängen, die abschnittsweise auch von Weinbergen eingenommen werden. Die sonnigen Steilhänge weisen zudem regional bedeutsame Biotoptypen trockenwarmer Standorte mit Kalk-Magerrasen und einigen wenigen Wacholderheiden auf. Untergeordnet eingestreut ist Ackerland. Der Lebensraumtyp Magere Flachland-Mähwiese nimmt mit über 400 ha einen hohen Flächenanteil ein. Ein Charakteristikum des Gebiets ist die vielfach sehr kleinräumig differenzierte Nutzung der Wiesen und Obstbestände, die ihre Grundlage in der über Generationen zunehmenden Zerstückelung der Schläge in einem Realteilungsgebiet hat. Unterschiedliche, größtenteils extensive Nutzungsformen sowie standörtliche Unterschiede in Exposition, Wasserhaushalt und Boden bilden die Grundlage für die in hohem Maß differenzierten Ausbildungen unterschiedlicher Wiesentypen des Gebiets.

Die ausgedehnten Streuobstbestände sind bedeutende Lebensräume für eine Vielzahl von Tierarten wie Fledermäuse, Vögel und Insekten. Zielarten nach der Vogelschutzrichtlinie wie Grauspecht, Halsbandschnäpper, Mittelspecht, Neuntöter und Wendehals sind mit regelmäßigen Brutvorkommen vertreten. Weitere wichtige Leitarten der Streuobstwiesen sind beispielsweise Baumpieper, Gartenrotschwanz und Grünspecht. Die artenreiche Vogelgemeinschaft von Streuobstwiesen lässt sich auf die vielfach eng miteinander verflochtene Kombination zweier Lebensräume zurückführen, einerseits die lichtwaldartigen Baumbestände aus Obstbäumen und andererseits Wiesen und Weiden, die aus der landwirtschaftlichen Nutzung hervorgegangen sind. Das Vogelschutzgebiet bezieht zusätzlich zum Schönbuchgebiet im Süden Teile des Ammertals sowie den Spitzberg mit Hirschauer Berg und Wurmlinger Kapellenberg mit ein. Das Ammertal weist eine überdurchschnittliche Anzahl hochgradig schutzbedürftiger Vogelarten auf. Als Charakterarten großräumig offener, extensiv bewirtschafteter Acker- und Grünlandgebiete sowie temporärer Vernässungsstellen zählen Braunkehlchen, Grauammer, Rebhuhn und Kiebitz zu den landesweit bedeutenden Zielarten mit der höchsten Schutz- und Maßnahmenpriorität (Landesarten der Gruppe A). Die Erhaltungszustände dieser Arten sind nach massiven Bestandsrückgängen mittlerweile landesweit als ungünstig zu bewerten. Die Brutvorkommen im Ammertal sind aktuell erloschen bzw. unmittelbar vom Erlöschen bedroht. Die Vorkommen von Baumpieper, Schwarzkehlchen, Wasserralle, Wendehals und Zwergtaucher sind im Ammertal auf niedrigem Niveau stabil. Der Raubwürger ist als sporadischer Wintergast im Ammertal anzutreffen.

Gefährdungen naturschutzfachlich bedeutsamer Lebensräume und Arten des Gebiets bestehen einerseits durch Nutzungsintensivierung, unangepasste Nutzung oder Besucherdruck, sowie andererseits durch Nutzungsrückgang und -aufgabe. Bedeutsam sind die Gebiete nicht nur aus naturschutzfachlicher, sondern auch aus geowissenschaftlicher und kulturhistorischer Sicht. So befinden sich hier historische Nutzungsstrukturen, unter anderem diverse Steinbrüche, Kleindenkmäler und andere Relikte der althergebrachten Kulturlandschaft.

Den gesamten Natura 2000-Managementplan für den Naturpark Schönbuch können Sie bei Interesse gerne hier einsehen.

Ein Beitrag von Naturpark Schönbuch

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